Hildegard Ochse (1935–1997)

Hildegard Römer um 1956 | Foto anonym © Hildegard Ochse

Hildegard Römer um 1957 | Foto anonym
© The Estate Hildegard Ochse

 

 

 

 

» Sie werden das Bild der deutschen Fotografiegeschichte auf Dauer verändern. … in Berlin hängen die amerikanischen Fotografen neben den deutschen, also William Eggleston, Larry Clark, Stephen Shore oder Diane Arbus neben Michael Schmidt, Ulrich Görlich oder Hildegard Ochse. « Thierry Chervel, 2016


Hildegard Ochse begann zunächst 1975 autodidaktisch zu arbeiten, später in der von Michael Schmidt gegründeten »Werkstatt für Photographie« in Berlin-Kreuzberg. Dort nahm sie am Unterricht von Ulrich Görlich sowie Wilmar Koenig und bis 1981 an verschiedenen Workshops von Lewis Baltz, John Gossage, Larry Fink und André Gelpke teil. Bereits 1978 nahm Hildegard Ochse eine Lehrtätigkeit als Fotografin in der Landesbildstelle sowie an der Pädagogischen Hochschule Berlin auf. Ab 1981 war sie freiberuflich als Fotografin in Berlin tätig.

Nach ihrer Etablierung als Autorenfotografin fotografierte Hildegard Ochse 1983 auf den in West-Berlin liegenden befindlichen S-Bahnstrecken. In der Serie ging es ihr um den unterschiedlichen Grad der Wahrnehmungsfähigkeit optischer Eindrücke. Synkopenartig werden Akzente gesetzt und Wiederholungen vorgenommen. »Die Widersprüche in der Sehweise entsprechen«, wie Hildegard Ochse es empfand, »den Widersprüchen dieser Stadt und dem Gefühl von Hass – Liebe, das ich für sie empfinde.« Daran schloss ihre Arbeit zum Thema Zoologische Gärten an, zu der sie ein Essay von John Berger nebst Zoobetrachtungen von Theodor W. Adorno inspiriert hatte. Ihre in Berlin, Frankfurt am Main, München, Mailand sowie anderen europäischen Orten aufgenommen Zoobilder thematisieren das widernatürliche Eingesperrtsein der exotischen Tiere. In Anlehnung an die beiden Autoren sah sie darin eine Form moderner kolonialer Macht. Ihrem Freiheitsdenken widersprechend folgte aus jeder Form der Isolation oder Gefangenschaft zwingend Abstumpfung und Lethargie – letztlich Gleichgültigkeit.

Eine spezifisch berlinische Arbeit folgte eine durch die Künstlerförderung des Landesamtes für Zentrale soziale Aufgaben ermöglichte Serie, in der sie die Bediensteten der Stadt porträtierte Hildegard Ochse ging der Frage nach, wie der deutsche Beamte aussieht und wie er sich sieht, wobei sie sich die Politikerbildnisse von Erich Salomon sowie die Porträts von August Sander, aber auch die kurz zuvor publizierten Arbeitsbilder von Lee Friedlander zum Vorbild nahm. Wie es um die sprichwörtliche Zuverlässigkeit, Ordnung und Sauberkeit des deutschen Beamten bestellt war, blieb offen, nicht jedoch der Fotografien eingeschriebene Zeitgeist. Wie der Mensch buchstäblich für sie im Vordergrund stand, beschäftigte sie an der von ihr nachfolgend fotografierten Serie in der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) vor allem der für die Porzellanproduktion grundlegenden Aspekt der Handarbeiten. Sie rückte die individuellen Gesichter der Frauen und Männer in Verbindung mit den von ihnen praktizierten manuellen Geschicklichkeiten ins Zentrum.

Frei nach Dr. Enno Kaufhold