Ausstellungen 1985

Aspetti di Berlino (Winter) © Hildegard Ochse 1981

Aspetti di Berlino (Winter) © Hildegard Ochse 1981

»Aspetti di Berlino«  (Winter)

27. Oktober bis 13. November 1985
In der Fotogalerie von Fogliano – Redipuglia (Gorizia)
Galleria fotografica comunale,
Centro Culturale Pubblico Polivalente,
Ronchi dei Legionari, EA, Italien

Berlin wird 1871 Hauptstadt des Deutschen Reichs. Schon um 1840 beginnt in Deutschland der schnelle und heftige Prozess der Industrialisierung, bei dem Berlin an erster Stelle steht. Angezogen durch den sicheren Arbeitsplatz in der Fabrik und durch eine relativ gute Bezahlung setzt die Landflucht tausender Arbeiter in die Stadt ein. Bis 1880 steigt die Einwohnerzahl in Berlin von Hunderttausend auf eine Million und auf zwei Millionen in den nächsten 25 Jahren. Das Wohnungsproblem zeigt sich in seiner ganzen Dramatik, die Stadt bekommt durch den Bau von „Mietskasernen“ das Aussehen einer Industriemetropole. Charakteristisch für dies Häuser sind die Hinterhöfe, durch diese Gebäude hinter den Gebäuden können die preußischen Baugesetze umgangen werden, die zwar die Höhe und Breite der Fassaden vorschreiben, aber in den Hinterhöfen die Bauspekulation und unmenschliche Wohnverhältnisse zulassen.
Gerade dieses Problem wird zu einer zentralen Frage: eine der Lösungen ist die Einrichtung sogenannter „Schrebergärten“, die ihren Namen von ihrem Erfinder, dem Arzt Schreber (1808-1861) verdanken: sie sind die „Grünen Lungen“ innerhalb der Stadt, die in viele kleine Parzellen aufgeteilt, der „verdienten Erholung“ der Arbeiter dienen sollen.
Mietskasernen und Schrebergärten sind heute noch wichtige Elemente im Erscheinungsbild Berlins und ihnen sind einige Fotografien dieser ersten Serie gewidmet.

Die Stadtbahn
Diese erste Serie besteht aus Bildern, die aus der Stadtbahn heraus fotografiert wurden. Die Geschichte dieser Bahn ist sehr alt und mit der Stadtgeschichte seit 120-130 Jahren verbunden.
Das Bahnnetz entsteht im Rahmen der Industrialisierung als Berlin zu einem Verkehrsknotenpunkt in Europa wird. Dieses Verkehrsmittel zur damaligen Zeit avantgardistisch, zeigt sich heute mit zwei Gesichtern: gut entwickeltes und viel genutztes Verkehrsmittel im Ostteil der Stadt und kilometerlange ungenutzte Schienen in Westberlin.
Die Teilung der Stadt in die vier Sektoren während der Nachkrieg­szeit und die Errichtung der Mauer am 13. August 1961, ist auch im Hinblick auf die S-Bahn Ursprung paradoxer Verhältnisse: 1945 sind die Besitzrechte an der S-Bahn in den Westsektoren , werden aber von den drei westlichen Alliierten einfach den von der Sowjetunion verwalteten Zonen überlassen, so dass nach ca. 3 Jahren das gesamte Streckennetz auch im Westen vom Verkehrsministerium der DDR verwaltet wird.
Dies hat zu einem Boykott durch die Westberliner Bevölkerung und damit zum späteren Verfall im Westteil der Stadt geführt. Die vielen toten Gleise und die verlassenen Züge bezeugen diesen Untergang und sind ein weiteres Charakteristikum der Berliner Stadtlandschaft.
Erst kürzlich ist die westberliner S-Bahn von der Bundesrepublik erworben worden und die Linien werden langsam wieder hergestellt. Diese wieder funktionstüchtigen Linien durchqueren nun auch Ostberlin: wenn man zum Beispiel von Frohnau im nördlichsten Teil Westberlins nach Mariendorf im Süden fährt durchquert man Ostberlin und kann an der Station „Friedrichstraße“ sogar umsteigen (natürlich nur als Westberliner).
Die Bahnlinie flankiert auf weiten Strecken auch die Mauer, überquert sie, fährt hier und dort.
Einleitung des Kurators / Übersetzung Karen Pastofski, 2015