Ausstellungen 1991

Metamorphose © Hildegard Ochse 1990

Metamorphose © Hildegard Ochse 1990

Metamorphose

Vom 17. Oktober bis 9. November 1991
In der Galerie »Inselstraße 13«, zusammen mit Barbara Köppe
Zu der Ausstellung erschien ein Katalog

Dr. Britta Schmitz hielt die Einführungsrede

Hildegard Ochse wagt sich [1990] mit diesem Zyklus von Mauerfotografien auf ein heikles Terrain. Schon vor dem 9. November 1989 gehörten Fotografien unserer Mauer zum inflationären Sujet, das sich sogar im »Berlin tut gut« (Programm der offiziellen Berlinwerbung) schon abgenutzt hatte. Die zahllosen Fotobücher und Postkarten über die Mauerrealität waren eigentlich nur noch für auswärtige Besucher interessant, die sich nach dem Mauerspaziergang in Kreuzberg oder am Potsdamer Platz mit Souvenirs eindeckten. Die bunten Bilder und Graffitis gehörten zum Stadtbild wie die Gedächtniskirche und die Kongreßhalle.

Als dann plötzlich die Mauer offen war, zogen natürlich wieder Heerscharen zur Mauer (oder dem antifaschistischen Schutzwall), um das historische Bauwerk abzulichten. Die verschwindende Mauer hatte absolute Hochkonjunktur. Nun konnten auch alle diejenigen kommen und sehen und fotografieren, die bisher die Mauer nicht sehen konnten, sondern lediglich von ihr wussten und sie massiv erfahren hatten, weil sie für sie undurchlässig war. Die »Mauerspechte« waren schnell dabei mit der Demontage. Die bunte westliche Seite der Mauer war rascher abgeklopft, als die Politik auf die neue Situation reagieren konnte. Natürlich wurde kilometerweise Filmmaterial belichtet, um die aktuelle Metamorphose zu dokumentieren.

In diesen turbulenten Wintermonaten 1989/90 entstanden auch die schwarz/weiß Fotografien, die Hildegard Ochse von der schon halb abgerissenen Mauer machte. Ein Wagnis, sich auf dieses Motiv zu stürzen. Diese Gratwanderung hat sich, um es vorweg zu sagen, gelohnt.

Das Ergebnis dieser Arbeit konfrontiert den Betrachter zuerst einmal mit einer Ruhe und Leere, die innehalten lässt. Dieses abgetakelte, verbrauchte historische Machtmonument, dieses eigentlich verbrauchte Motiv, führt uns die Fotografin vor und zeigt uns damit die fortschreitende Zeit, deren rasantes Tempo hier noch nicht systematisiert ist. Der Blick mit der Kamera erscheint wie eine Recherche nach der verlorenen Zeit. Wir erkennen durch die Bilder die Verwandlung Deutschlands und spüren die wohl gemischten Gefühle, die Hildegard Ochse zu diesem Motiv führten. Das Aufsuchen, Umkreisen, Erschauen und Erlaufen dieser Orte ist wie eine Selbstbefragung der nicht so schnell zu begreifenden Realität. Welche Situation wird durch das stehende Bild eingefangen, wo hält die Weltgeschichte inne? Die fertigen Bilder lassen diese Unsicherheit zu und geben immer offene Situationen preis. Die Durchblicke lassen unbekanntes- bekanntes Gebiet aufscheinen. Die Zonen sind porös, sind brüchig, sie sind noch nicht verschwunden. Der Blick lässt weites Gelände zu, erschreckend wie verschlossen es bisher war und wie sich diese Versiegelung des anderen Gebietes in den Kopf eingegraben hat Das unbekannte Terrain ist so unendlich leer und fern, dass der Betrachter verloren davor steht.

Die ehemalige Grenze zwischen Hauptstadt Berlin und Berlin West ist grausam leblos und kaputt, dass man diesen dokumentarischen Fotos kaum mehr trauen mag. Heute sind die Straßen wieder offen, die Grenzgebiete an vielen Stellen kaum mehr sichtbar. Äußerlich ist die Geschichte von den Notwendigkeiten der Großstadt zum Verschwinden gebracht worden, um so eindringlicher wirken die Bilder, die ihre Aktualität behalten, da sie einen inneren Zustand beschreiben, der sich inzwischen offensichtlich in den einzelnen Facetten der Gesellschaft manifestiert hat.

Beim Einsehen in die Bilder können die Nah- und Weitsichten langsam angenommen werden und die scheinbar belanglosen Details treten hervor. Die Armiereisen, Stützpfeiler, Stacheldrahtfragmente bewahren in sich die verlorenen Bedeutungen. Sie muten an wie Objet trouvé (gefundener Gegenstand), in denen die Verwandlung Deutschlands sichtbar wird. Ober-flächlich angesehen, haben sie eigentlich plastischen Charakter. Im Kontext zeugen sie von dem zu lange währenden Machtinstrument dieses Staates. Der niedergerissene Wachturm wird aus verschiedenen Blickrichtungen festgehalten.

Die Annäherung ist vorsichtig, eine Distanz ist auch bei der Nahsicht in die Innenkonstruktion gewährleistet. Die Distanz ist in allen Fotos vorhanden. Das macht ihre Qualität und Aktualität aus und unterlegt die Bilder mit einer vielschichtigen Interpretation.
Dr. Britta Schmitz, 1991