Anfang und Ende

Haus Hildegard um 1934 © Estate of Hildegard Ochse

Haus Hildegard um 1934 | © The Hildegard Ochse Estate

Die Autorenfotografin Hildegard Ochse (1935–1997)

Anfang und Ende von Benjamin Ochse (English version)

Hildegard Maria Helene Ochse, geb. Römer, Tochter des Lehrers Arthur Peter Maria Römer (1893–1957) und der Studienrätin und Autorin Dr. phil. Emma Maria Krusemeyer – Römer (1894–1964) wurde am 7. Dezember 1935 in Bad Salzuflen geboren. Ihre Eltern lernten sich in den 20er Jahren in Münster kennen. Nach der Trauung 1933 durch den Münsteraner Domprediger Dr. Adolf Donders betrieben sie ab 1934 in Bad Salzuflen das private Töchterheim »Haus Hildegard«, benannt nach Hildegard von Bingen. Das Pensionat war eine katholisch geprägte Bildungseinrichtung für junge Frauen aus gutem Haus, untergebracht in einer großen Villa in der Nähe des Kurparks. Diese war ausgestattet mit einer großen Lehrküche, einem Gemüsegarten und Arbeitsräumen für die Hand- und Hausarbeiten. Daneben gab es ein Musikzimmer und eine Bibliothek für das Studium. Für die Ausbildung der Mädchen sorgten angestellte Gewerbe- und Hauswirtschaftslehrerinnen.

Maria Emma Krusemeyer um 1922

Emma Maria Krusemeyer um 1922 | Foto Anonym © The Hildegard Ochse Estate

Hildegards Mutter Maria war für ihre Zeit eine Ausnahmeerscheinung; als Tochter von Hermann Krusemeyer (1854–1930), einem hohen Bahnbeamten und Helene Krusemeyer, geb. Dyckhoff (1868–?) wuchs sie zusammen mit sieben weiteren Geschwistern in Magdeburg-Neustadt auf. Ihre Eltern ermöglichten es ihr, das Oberlyzeum zu besuchen und im März 1914 das Abitur abzulegen. Anschließend studierte sie in Jena, Erfurt, Freiburg und ab 1920 an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster Englisch, Geschichte und Deutsch, sowie katholische Theologie. 1925 promovierte sie über das Thema »Der Einfluss Goethes auf Ge­orge Meredith«. Nach mehreren Gelegenheitsanstellungen im Schuldienst und als Studienassessorin war sie von 1928 bis 1934 als Studienrätin an der Hildegardisschule in Münster, der ersten Frauenoberschule in Deutschland tätig. Während des Nationalsozialismus durften Kinder von Beamten die Schule nicht mehr besuchen. Dies führte zu einer starken Reduzierung des Unterrichts und 1942 zur Schließung. Maria veröffentlichte bis 1933 ein Buch über große Frauen in der Geschichte, Schulbuchbeiträge, kleinere Artikel und Gedichtsbände und 1949 eine ausführliche Biografie zu Dr. Adolf Donders (1877–1944), zu dem es ein freundschaftliches Verhältnis gab. Ab 1950 war sie in Bochum an der Theodor-Körner-Oberschule als Studienrätin und Religionslehrerin beschäftigt.

Peter Arthur Maria Römer um 1920

Arthur Peter Maria Römer um 1920 | Foto anonym © The Hildegard Ochse Estate

Hildegards Vater Arthur Peter Maria Römer, Jahrgang 1893, wurde in Urft in der Eifel geboren. Sein Vater Robert Joseph Römer war Direktor der Staat­lichen Handwerkerschule. Er starb früh, und so wuchs Peter mit seinem Bruder Maximilian und Schwester Erna die meiste Zeit bei seiner Tante in Belgien auf. 1911 legte er sein päda­gogisches Examen ab und verließ Europa. In der Provinz Natal in Südafrika fand er eine Anstellung als Deutschlehrer an einer katholischen Jungenschule. Währ­end des ersten Weltkriegs wurde er von den Briten interniert. Anfang der 20er Jahr­e kehrte Arthur Römer nach Deut­schland zurück und arbeitete als Privatdozent. In den späten 20er Jahren war er kurzzeitig als Fremdsprachenlehrer in der Hermannschule in Bad Meinberg tätig, die 1938 von den Nationalsozialisten zwangsweise aufgelöst wurde.

Tante Do mit Hildegard Römer im Arm 1936 | © The Hildegard Ochse Estate

Das Kindermädchen »Tante Do« mit Hildegard,1936 | © Hildegard Ochse Estate

Hildegard wurde in ihrer Kindheit von einem Kindermädchen betreut und wuchs in gut behüteten, bürgerlichen Verhältnissen auf. Ihre Mutter hielt die Geburt und das Aufwachsen ihrer Tochter in einem später veröffentlichten Gedichtband fest. Als Einzelkind verbrachte Hildegard die meiste Zeit mit den jungen Frauen im Töchterheim. Ihre Erziehung war auf den katholischen Glauben und eine gutbürgerliche Bildung abgestimmt. Im Haus Hildegard fanden regelmäßig Autorenlesungen sowie Hauskonzerte statt. Hildegard war musikalisch begabt und erhielt mit 6 Jahren Klavierunterricht am Städtischen Konservatorium der späteren Fösterling – Musik-Akademie in Bad Salzuflen. Ihr Klavierlehrer traute ihr drei Jahre später eine Karriere als Pianistin zu. Ab 1942 besuchte Hildegard die ehemalige katholische Volksschule und ab 1946 die Oberschule für Mädchen. Sie war sehr sportlich, erhielt zahlreiche Sportaus­zeichn­ungen und wurde mit 13 Jahren DLRG-Rettungsschwimmerin. Die katholischen Eltern trennten sich Anfang der 50er Jahre, die Mutter zog nach Bochum, wo sie als Studienrätin und ab 1958 zusätzlich als Religionslehrerin bis zu ihrer Pensionierung tätig war.

Hildegard Römer im Weserbegland um 1951

Hildegard Römer im Weserbegland um 1951 | © Hildegard Ochse Estate

Mit 16 Jahren verließ Hildegard im Sommer 1952 das provinzielle Bad Salzuflen. Sie reiste als Austauschschülerin und Stipendiatin auf der Transatlantikroute über Paris und Le Havre auf der legendären SS United States nach New York und weiter nach Rochester im Bunde­sstaat New York. Mit im Gepäck eine kleine Fotokamera, ein Geschenk der Eltern an die rebellisch werdende Tochter. Erste bemerkenswerte Fotoaufnahmen von Hildegard entstanden in Paris an der Seine und am Busbahnhof. Die Kamera war es, die fortan ihr Leben wie ein Tage­buch dokumentierte. In Rochester angekommen, lebte sie bei einer Gastfamilie und besuchte die katholische »Nazareth Academy«. Ihre Freizeit verbrachte sie mit Schwimmen, Reiten, Lesen und Musik hören. Der Vater ihrer Gastfamilie war bei Eastman Kodak als leitender Chemiker in der Entwicklungsabteilung beschäftigt. Er übte mit seinem Wissen rund um die Fotografie wichtigen Einfluss auf Hildegards Fotografien aus. In den USA entstanden erste Porträts und bemerkenswerte Straßen- und Architekturfotografien. Während ihres USA – Aufenthaltes besuchte sie die Niagarafälle, New Jersey, Philadelphia, das Pentagon in Washington DC, Delaware und Boston.

Von ihrem Besuch in New York sind weitere Architektur- und Stadtansichten überliefert. Nach einem Jahr kehrte Hildegard 1953 mit einem High-School Diplom und weiteren Auszeichnungen auf dem italienischen Luxusschiff, der SS Andrea Doria, über die Azoren, Gibralta und Italien nach Bad Salzuflen zurück. Das Schiff war bekannt für die moderne Ausstattung und die Kunstwerke an Bord.

Hildegard Römer im Garten der Gastfamilie in Rochester, USA, um 1953, Foto anonym © Hildegard Ochse Estate

Hildegard Römer im Garten der Gastfamilie in Rochester 1953 | © Hildegard Ochse Estate

Sie be­stand das Abitur 1955 mit Auszeichnung und begann ein Studium der Romanistik und Kunstgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau bei Dr. Hugo Friedrich (1904–1978) und Dr. Kurt Bauch (1897–1975), zu dessen Forschungsgebiet u.a. die niederländische Malerei um Rembrandt zählte. Während ihres Studiums unternahm sie zahlreiche Studienreisen in die Schweiz, Frankreich und nach Italien und lernte ihren späteren Ehemann Horst Ochse (1927–2014) an der Universität in Freiburg kennen. 1957 erhielt sie ein Stipendium nach Aix-en-Provence in Süd-Frankreich und wohnte bei einem Fotografen in einfachen Verhältnissen. Sie ist begeistert von der Landschaft und den Farben in der Provonce und schreibt

»… wenn ich Maler wäre, ich glaube, dieses Land könnte ich nicht malen, weil es zu SCHÖN ist. Und das Auge kann diese Farben und diese Formen gar nicht auf einmal fassen. Wenn eine Landschaft malen, dann Norddeutschland, die Marschen, die Äcker… «.

Hildegard Römer in Aix-en-Provence um 1957 | Foto Anonym

Hildegard Römer in Aix-en-Provence um 1957 | Foto Anonym © Hildegard Ochse Estate

Im gleichen Jahr wurde sie im Herbst schwanger und ihr Vater starb unerwartet an ihrem Geburtstag. Im März folgte die Hochzeit mit dem späteren Professor, Dr. phil. Horst Ochse. Im Sommer gebar sie ihr erstes Kind und musste dafür ihr Studium abbrechen. In den folgenden 7 Jahren bekam Hildegard noch drei weitere Kinder, die ihr gesamte Aufmerksamkeit beanspruchten. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter im Herbst 1964 trat sie aus der katholischen Kirche aus. Im Frühjahr 1973 wechselte die Familie aus beruflichen Gründen nach West-Berlin. Der Umzug in die Mauerstadt war für Hildegard eine schwere Zäsur, da sie dadurch fast alle Sozialanbindungen aus ihrer Studienzeit in Freiburg verlor und sie in eine tiefe Krise stürzte. Nach einem längeren Frankreichaufenthalt der Familie 1975 scheiterte ihre Ehe und führte später zur einer endgültigen Trennung. Fast zeitgleich entdeckte Hildegard Anfang 1975 ihre große Leidenschaft für die Fotografie wieder. Anfangs lernte sie autodidaktisch und in der Kreuzberger Fotografen-Vereinigung, sowie 1976 in Fotokursen der VHS Zehlendorf, später an der von Michael Schmidt (1945–2014) gegründeten legendär gewordenen Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg.

Fragmente | © Hildegard Ochse 1975

Fragmente, 1975 | © Hildegard Ochse

Zu Beginn der Werkstatt dominierte eine teils orthodoxe dokumentarische Sehweise, die sich an der Ästhetik von Michael Schmidt ausrichtete und sich auf eine Darstellung des Alltags konzentrierte. Später experimentierte die Fotografenszene mit neuen Formen des Dokumentarischen, die eine subjektive Sicht des Autors betonte. Hildegard Ochse entwickelte schnell eine eigenständige, künstlerische Autorenschaft mit persönlicher Sichtweise. Die meisten Kursteilnehmer und Gasthörer waren Autodidakten und hatten daher ein liberaleres Verständnis für das Medium im Vergleich zu den Berufsfotografen. Die Bildsprache und der Inhalt waren anfangs wichtiger als die technische Qualität. Dort nahm sie teil an Kursen unter der Leitung von Ulrich Görlich (1952– ), Wilmar König  (1952– ), sowie Workshops amerikanischer Fotografen wie Lewis Baltz (1945– ), John Gossage (1946– ), Ralph Gibson (1939– ) und Larry Fink (1952– ) und dem deutschen Fotografen Andre Gelpke (1947– ). Ihre Bildsprache entwickelte sich nach anfänglicher Suche schnell; tiefsinnig, mehrschichtig und philosophisch, dicht, hoch konzentriert, konzeptionell und dokumentarisch. Sie schuf Bilder gewissermaßen für sich selbst und nur einem inneren Auftrag folgend.

© Estate of Hildegard Ochse

Hildegard Ochse um 1978 | ©  Hildegard Ochse Estate

Ab 1978 unter­richtete Hildegard Fotografie an der Landes­bild­stelle, sowie an der Pädagogischen Hoch­schule Berlin und konnte ihre Bilder erstmalig in Galerien präsentieren. Schon kurz nach ihrem Neu­anfang wurden erste Fotoserien von der Ber­linischen Galerie angekauft. Ende der 70er Jahre lernte sie den Fotografen Karl-Ludwig Lange (1949– ) kennen, mit dem sie bis zu ihrem Lebensende befreundet blieb. Nach der endgültigen Trennung von ihrem Ehe­mann und privatem Neuanfang etablierte sie sich bereits 1981 als selbständige Autorenfotografin. Sie erhielt umfangreiche Aufträge, Stipendien und Ausstellungen im In- und Ausland. Sie reiste viel mit ihrer Fotokamera und dokumentierte somit auch ohne Absicht ihr eigenes Leben. Dabei bevorzugte sie als Reiseziel Italien. Ab 1987 lernte sie Hebräisch und studierte Judaistik, be­suchte die Synagoge und unternahm zahlreiche Studienreisen nach Israel. Der Kontakt zu ihrer Geburtsstadt blieb über viele Jahre hinweg durch regelmäßige Treffen mit ihrer Schulklasse und den Lehrern erhalten. 1995 unternahm sie eine letzte Reise nach Israel, im Herbst wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert. Sie starb im Sommer 1997 mit 61 Jahren in Berlin.

Grab von Hildegard Ochse © Benjamin Ochse 2013

Das Grab von Hildegard Ochse, 2013 | © Benjamin Ochse

Epilog

Hildegard Ochse sah sich als Autorenfotografin und weniger als Auftragsfotografin oder Bildjournalistin, sie folgte ihren eigenen Ideen und Vorstellungen. Ihr umfangreiches fotografisches Werk blieb nach ihrem Tod längere Zeit unentdeckt, obwohl sich Teile ihres Œuvre bereits in der Sammlung der Berlinischen Galerie, sowie in privaten Sammlungen befanden. Ihr Nachlass besteht aus circa 50.000 Negativen und über 5.000 Originalabzügen auf Barytpapier. Zu den wichtigsten Werkgruppen zählen »Natur in der Stadt, Großstadtvegetation« (1979), »No Future – Café Mitropa« (1980), »Aspetti di Berlino / Winter in Berlin« (1980–83), »Topographische Sequenzen der Stadt und ihre wechselnden Landschaften« (1983), »Gastland Bundesrepublik Deutschland« (1983), »Das Dorf« (1984), »Der Eid auf die Verfassung« (1987), »KPM« Königlich Preußische Porzellanmanufaktur (1987), »Jerusalem – Zeit der Stein« (1989), »Metamorphose« (1990), »Wanderung durch Mark-Brandenburg« (1990), »Normandie« (1991).

Quellen
Archiv Hildegard Ochse; Römer-Krusemeyer. Theodor-Körner Oberschule, Hildegardisschule Münster, Stadtarchiv Bad Salzuflen.

Referenzen
Berlinische Galerie
bpk Images Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte
akg Images Bildagentur für Kunst und Geschichte
Wikipedia
Literaturportal Westfalen
C/O Berlin im Amerika Haus
Kommunale Galerie Berlin
Haus am Kleistpark