Haus Marck

»Haus Marck in Westfalen – 7- Tage – 77 Fotografien«, so steht es handgeschrieben auf einen der wenigen schriftlichen Hinweise von Hildegard Ochse. Es ist eine der wenigen Serien die in einer von ihr vorher festgelegten Reihenfolge in einer Fotokopie erhalten geblieben ist.

Haus Marck, 1986 | © Hildegard Ochse

Haus Marck, 1986 | © Hildegard Ochse

Nach dem Titelblatt und einem kurzen tabellarischen Lebenslauf beginnt die Serie mit einem alten Baum der über die letzten Jahrzehnte, Jahr für Jahr zurechtgestutzten wurde. Weitere Motive sind Innen- und Außenansichten des alten Gebäudes gefolgt von Landschaften und Einzelporträts der Familie des Hauses.

Haus Marck, 1983 | © Hildegard Ochse

Haus Marck, 1983 | © Hildegard Ochse

Das  Haus Marck wurde bekannt durch die Vorverhandlungen zum Westfälischen Frieden 1643, der den Dreißigjähriger Krieg beenden sollte.

Haus Marck – 7 Tage – 77 Fotografien
von Benjamin Ochse
An sieben Tagen hintereinander fotografierte Hildegard 1983 im und um das Haus Marck in Tecklenburg/Westfalen, dabei entstand eine Arbeit von 77 Fotografien in einer von ihr geordneten Reihenfolge. Das Erste Schwarzweißbild zeigt einen alten Baum im Garten, der über einen langen Zeitraum beschnitten wurde und dadurch eine skurrile Form erhielt, die an die Hydra erinnert, das vielköpfige schlangenähnliche Ungeheuer aus der griechischen Mythologie. Die darauffolgenden Kleinbildaufnahmen zeigen dicke Baumstämme von jahrhundertealten Eichen, damit griff sie das klassische Bildthema der deutschen Eiche auf, wie es schon aus der Romantik bekannt ist. In der Romantik wurde die deutsche Eiche als Symbol für Dauerhaftigkeit, Treue, Standhaftigkeit gesehen. Der Baum wurde ein Sinnbild für die kulturellen Identität Deutschlands, verbunden mit der Entwicklung des ersten deutschen Nationalstaates. Die Eiche wurde zudem zum Symbol des Heldentums und das Eichenlaub oft als Siegeslorbeer verwendet, sie steht damit auch als Sinnbild und Metapher für das Herrenhaus. Die knorrigen, über mehrere Menschengenerationen alten Baumstämme sind gezeichnet von der Zeit und Witterungen mit tiefen Spalten, Narben, Kerben, und einige sind mit Efeu überwuchert. Der wie eine immergrüne Würgeschlange sich um den Baum herum windet und ihm das Wasser streitig macht, bis es nur noch eine Frage der Zeit, ist bis der Baum aufgibt und stirbt. Die Zeit hat an den Bäumen zahlreiche Spuren hinterlassen, knollenartige dicke Überwucherungen sind entstanden, aus denen junge Zweige sprießen. Bei den Baumbildern werden Erinnerungen wach, an Fotografien von Albert Renger-Patzsch (1897–1966) Ende der 50er Jahre, der sich in seiner Schaffenszeit immer wieder mit dem Thema Natur, Landschaft und Bäumen beschäftigte. Ab und zu sieht der Bildbetrachter hinter einem knorrigen alten Baum Teile des alten Wasserschlosses mit der Wassergräfte. Das Haus Mark ist ein Herrenhaus der Stadt Tecklenburg im Tecklenburger Land, es liegt in unmittelbarer Nähe des Teutoburger Waldes, eingebettet in die Talaue Haus Marck. In dem Wasserschloss fanden 1643 die Vorverhandlungen für den Westfälischen Frieden statt, die am Ende den Dreißigjährigen Krieg in Deutschland beendeten. Von Hildegards Geburtsstadt Bad Salzuflen aus liegt das Schloss 75 Kilometer weiter westlich entfernt. Im 17. und 18. Jahrhundert gehörte die Produktion von grober Leinwand zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor, das Gewebe wurde bis nach England und Spanien exportiert. Das rechteckige Gebäude mit den Innenräumen und dazugehörigen Grundstück wurden in den letzten 200 Jahren kaum verändert und konnte über die Weltkriege unbeschadet erhalten bleiben. Das Wasserschloss ist Wohnsitz der Familie Diepenbroick-Grüter, zu denen Hildegard Kontakte durch Arndt von Diepenbroick (*1938) bekam und eingeladen wurde. Arndt von Diepenbroick ist ein ausgebildeter Architekt und Objektkünstler. Er hatte zeitgleich eine kleine Ausstellung im Wasserschloss mit seinen farbenprächtigen Figuren und Objekten aus Pappmaché, die im Herrenhaus und Garten verteilt aufgestellt und von Hildegard fotografisch dokumentiert wurden. Es entstanden weitere Aufnahmen von der alten Brücke über den Wassergraben sowie Innenansichten des historischen Bauwerks und der umliegenden Landschaft. Darin zeigt Hildegard in poetischen Bildern die dazugehörige Landwirtschaft mit Milchkühen auf den Wiesen, den Mischwald aus Buchen, Eichen und anderen Laubbäumen zusammen mit einem beschaulichen Wasserlauf und stehenden Gewässern, in denen sich die Natur im Wasser spiegelt. In ihren Fotografien finden sich Parallelen zu den Landschafts- und Waldbildern um 1946 von Josef Sudeck (1896–1976) wieder, von dessen Arbeit Hildegard durch seine Bildbände beeinflusst war. Auf ihren Bildern scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, zeitlos sind sie, ohne jegliches moderne Accessoire, kein Telefon, Auto oder ähnliches, was schnell auf das Aufnahmejahr der Fotografie schließen lassen könnte. Alles, was im Laufe der Jahre von der Familie nicht mehr gebraucht wurde, fand auf dem Dachstuhl des Herrenhauses einen Abstellplatz, alles andere blieb stehen und an der Wand hängen. Neben den Schwarzweißnatur- und Gebäudedetailaufnahmen entstanden zahlreiche Doppel- und Einzelportraits von Mitgliedern der Fürstenfamilie von Diepenbroick. Ein paar Jahre später besuchte Hildegard den Ort erneut und vervollständigte ihre Arbeit um weitere Aufnahmen. Zum Ende ist ihr ein sehr persönliches Portrait einer alten Adelsfamilie aus Tecklenburg über mehrere Generationen gelungen.