Vom Pferd erzählen

Perde in Lessay in der Region Normandie | © Hildegard Ochse, 1991

Pferde in der Normandie | © Hildegard Ochse 1991

Fotografien von Hildegard Ochse

Ein Essay von Benjamin Ochse

Auf über 12.000 Jahre alten Wandmalereien sind Wildpferde neben Wisenten die am häufigsten abgebildete Tierart. In allen Stilepochen haben Künstler das Pferd in ihren Zeichnungen, Gemälden und in Skulpturen verewigt, später kam die Fotografie hinzu. Einige Künstler hatten in ihrem Leben nichts anderes gezeichnet oder gemalt, es war eine Gattung für sich. Aus der Antike sind Vasen mit Abbildungen des Trojanischen Pferds erhalten, später ließen sich Könige auf ihren Pferden darstellen als ein Zeichen der Macht. Das Pferd ist eine Projektionsfigur für Schönheit, Kraft, Dynamik, von Klasse, Rasse und Macht. Das Pferd war mehr als nur ein Zug- oder Reitpferd, es ermöglichte es, Mensch und Material in kurzer Zeit große Distanzen überwinden zu lassen und wurde daher zu einem strategisch wichtigen Gefährten im Kampf um Raum, Macht und Ruhm. Bereits die Assyrer und Hethiter profitierten von der Nutzbarmachung des Pferdes für den Einsatz im Krieg. Bei den Olympischen Spielen der Antike gab es Wettreiten und Wagenrennen als Disziplin. Pferde wurden schnell sehr wertvoll, für Pferde wurde gemordet und gehängt, oftmals war es wertvoller als ein Menschenleben und auf seinen Diebstahl stand in vielen Ländern bis in das 19. Jahrhundert noch die Todesstrafe. Die Tiere wurde im Laufe der Jahrhunderte gekreuzt, gezüchtet und optimiert, um bestmögliche Höchstleistungen mit dem Tier zu erzielen. Das Pferd diente wie die Kuh als Milchlieferant, und wenn es ausgedient hatte, wurde es zu Wurst und Pferdegulasch, zu Jacken, Schuhen, Taschen oder Mänteln weiter verarbeitet. Besonders wertvolle Pferde wurden ausgestopft und im Museum präsentiert wie das Schlachtross des Königs Gustav Adolf von Schweden (1594–1632) oder der Zuchthengst »Polydor« in Münster. Das Leder der Pferde wurde für Schuhe und die Fohlenfelle zu Pelzbekleidung weiter verarbeitet.

Kein Fürst, König oder Kaiser ließ es sich nehmen, mit seinem Pferd auf Leinwand verewigt zu werden. Die ältesten erhaltenen Abbildungen von Pferden sind alte Wandmalereien in der Grotte Chauvet in Südfrankreich. Paul Peter Rubens (1577–1640) gehörte zu den großen Pferdemalern des 16. Jahrhundert. Da Pferde als wertvoll galten, sollten sie auch in Ölbildern unsterblich gemacht werden, so ließen zahlreiche wohlhabende Pferdebesitzer im 18. Jahrhundert in Europa von bekannten Künstlern für viel Geld ihre Prachtexemplare auf die Leinwand bringen. Dabei gab es Maler wie John Ferneley (1782–1860) oder George Stubbs (1724–1806), die sich zu Pferdeportraitisten spezialisierten. Sein berühmtestes Pferd Whistlejacket von 1762 hängt heute in der National Gallery in London und ist fast über 11 Millionen Pfund wert und über 3×2,50 Meter groß. Unter den Spezialisten kann es zu regelrechten Wettbewerben und großen Ausstellungen mit hochdotierten Preisen. Bei Wikipedia findet der Interessierte mehr als 60 Pferdemaler aus allen Zeitperioden und europäischen Ländern. Gerne ließ sich auch Napoleon auf dem Pferd darstellen, Buonaparte (1769–1821) besaß mindestens hundert Pferde verschiedenster Rassen, von ihm und mit ihnen gibt es unzählige Abbildungen. Ende des 19. Jahrhundert beschäftigten sich bekannte Maler wie Max Lieberman mit dem Thema Pferde auf der Rennbahn und am Strand an der Ostsee oder Edgar Degas (1834–1917), der als Vorlage gerne sich der Fotografie bediente und Vincent van Gogh (1853–1890) unter den Impressionisten. Im 20. Jahrhundert erlangten die blauen Reiter von Franz Mac Weltruhm und wurden tausendfach als Postkarte oder Poster gedruckt. Die Pferde von Picasso wurden fast ebenso berühmt, sicherlich trug der Berliner Pferdenarr, Verleger und Kunsthändler Bruno Cassirer (1872–1941) mit dazu bei. Das Pferd war ein beliebtes Motiv für die Expressionisten wie Nolde, Kirchner, Macke, Heckel und für die Kubisten gleichermaßen. Aber auch der deutsche Maler Gerhard Richter ließ sich das Thema Pferd nicht nehmen oder besser kam 1965 nicht drumherum, so wie bei seiner Kuh ein Jahr zuvor.

Zu den ersten Aufnahmen gehörte das Pferd »Surprise« und wurde um 1842 von Louis-Auguste Bisson (1814–1876) als Daguerreotype im Format 13×10 cm und an die Zügel genommen. In die Fotografie zog das bewegte Pferd in der freien Natur erst nach 1870 ein, da die bis dahin verwendeten Verfahren umständlich, die Kameraobjektive einfach und die Belichtungszeiten viel zu lange waren. Zahlreiche Maler und Bildhauer nutzten die Fotografie für Studienzwecke und als Vorlage für ihre Ölbilder und Skulpturen, da sie zum Festhalten von organischen Bewegungsabfolge prädestiniert war. Damit konnten erstmals Fotografen wie Eadweard Muybridge (1830–1904) gutes Geld verdienen und wurden gleichzeitig zu einer ernsthaften Konkurrenz für die klassischen Pferdemaler. Sein 1888 veröffentlichtes Werk »The Horse in Motion« beeinflusste zahlreiche Künstler in ganz Europa.

Pferdehändler in Lessay in der Normandie | © Hildegard Ochse 1991

Hildegard kam in ihrer Jugend in Bad Salzuflen das erste mal nach dem Krieg direkt in Kontakt mit Pferden. In der Kleinstadt fand sie als Jugendliche großes Interesse an den Tieren und lernte das Reiten.
In Rochester in den USA hatte sie 1952 als Teenager weitere Gelegenheiten zum Reiten während ihres einjährigem USA-Aufenthaltes. In ihren Bildern von 1991 zeigt sie stolze Pferdebesitzer, Pferdehändler und Käufer in der Normandie. Es sind ungestellte Portraits von Männern mit Schiebermütze, Karo-Sakko und Notizblock in der Hand, für den Verkauf zurechtgemachte Stuten und junge Fohlen mit ihren Muttertieren. Sie sind ein Teil der Kultur in Normandie seit Jahrhunderten, sie gehören zu der Region wie die Fischer und das Meer. Früher waren Pferde notwendig, um das Feld mit dem Pflug zu bestellen oder Briefe, Waren und Menschen von einem Ort zum anderen schnellstmöglich zu transportieren. In zahllosen Berichten wird über das Reisen mit der Postkutsche oder zu Pferd berichtet. Für den spanischen Maler Francisco de Goya (1746–1828) war es wichtig, als Statussymbol eine zweirädrige Pferdekutsche (birlocho) zu besitzen, die ihn ein kleines Vermögen kostete. Georg Forster (1754–1794) berichtet in seinen Briefen von den Schwierigkeiten mit den Kutschen, dem Achsstand und den Pferden auf seinen Reisen durch Europa. Clara Schumann wurde ganz krank von den vielen Konzertreisen mit großen Postkutschen in die Metropolen Europas. Pferde brachten die Menschen näher zusammen, machten das Reisen einfacher, heute sind sie ein Zeichen des Wohlstandes und des Luxus.
Im Zeitalter des digitalen Datenaustausches, der Elektroautos und Hochgeschwindigkeitszüge sind sie nur noch Relikte einer fast vergessenen Zeit. Das Nutzpferd wurde in nur wenigen Jahren zum Freizeitpferd, Sportartikel oder zum Spekulationsobjekt auf den Springturnieren und Rennbahnen in Berlin, Paris, London, Hongkong oder Dubai. Die Jahrtausende alte Beziehung zwischen Pferd und Mensch ist eine völlig andere geworden.

Pferdehändler in der Normandie | © Hildegard Ochse, 1991

Pferdehändler in der Normandie | © Hildegard Ochse 1991

Hildegard geht in ihren Bildern nur bedingt darauf ein, dennoch macht sie darauf aufmerksam – so wie in vielen ihrer Bilder finden sich versteckte Mitteilungen, Metaphern und weitere Bildebenen, die erst beim zweiten Blick und Gedanken erkannt werden. In ihren Bildern treffen sich die Pferdehändler und Käufer noch auf der grünen Weide. Ein Bild aus der Serie von Hildegard erinnert an das Ölbild »Stuten und Fohlen ohne Hintergrund« des englischen Naturmaler Stubbs um 1762, ungewöhnlich für seine Zeit war dabei der fehlende Hintergrund. Heute geht der Handel mit Pferden weltweit digital auf Online-Auktionen, ab 15 Euro oder für mehrere Millionen Euro wechseln die Tiere den Besitzer. Im Anschluss werden die Tiere in Pferdecontainer mit einem Tierpfleger per Luftfracht um die ganze Welt geflogen, in New York gibt es eigens dafür ein Pferde-Flughafenhotel.